Erneuerbare Energie Offshore
Zurzeit reden alle über Offshore-Windkraft. Warum?
Die Industrie hat in den vergangenen Jahren viel an Dynamik gewonnen. Der öffentliche Wille ist groß, vor allem nach dem Scheitern der Klimakonferenz in Kopenhagen. Deshalb gibt es viel Geld von der Regierung und auch immer mehr Privatinvestoren steigen ein. Parallel werden nun auch die ersten deutschen Großanlagen eingeweiht und gebaut.
Wie unterscheiden sich Offshore-Anlagen von Anlagen an Land?
Die Technik, um kinetische Windenergie in Strom umzuwandeln, ist erprobt. Die Art und Weise wie man diese Anlagen im Meer installiert und betreibt, ist hingegen stark im Wandel.
Wenn, wie etwa in Deutschland, Windparks 80 bis 100 Kilometer vom Ufer entfernt liegen, steckt eine enorme Logistik dahinter. Die Anlagenbauer verwenden Hotelschiffe, nur damit die Monteure nicht immer hin- und hergefahren werden müssen.
Ein anderes Thema sind die Fundamente. Die einfachste Lösung ist, einen Stahlmast oder einen Tripod in den Boden zu rammen. Aber das funktioniert nur bei Wassertiefen bis 25 Metern. Schwerlastfundamente sind eine weitere Alternative. Hier wird ein über 1000 Tonnen schwerer Betonbrocken versenkt auf dem schließlich das Windrad installiert wird.
Ganz neu ist die Variante, Fundament, Mast, Gondel und Rotor komplett an Land zu montieren und zu testen. Der Stahlkoloss von der Höhe des Kölner Doms wird dann mittels Spezialschiff aufs Meer transportiert und dort zielgerichtet und langsam abgesenkt. Eine echte technische Herausforderung.
Werden diese Offshore-Anlagen noch größer als Windräder an Land?
Das ist natürlich der Wunsch aller Beteiligten. Ein Windpark wird profitabler, je größer die Turbinen sind.
Wenn Sie statt einer derzeit üblichen drei bis fünf MW Turbine eine sieben MW Turbine verwenden, produzieren sie deutlich mehr Strom bei ähnlichen Kosten für Fundament, Montage und Verkabelung. Das verbessert die betriebswirtschaftliche Rechnung enorm.
Die Hersteller werden die Nachfrage nach größeren Turbinen bedienen, Maschinen mit sieben MW Leistung wird es bald geben. Trotz der physikalischen Hindernisse sind die Ambitionen der Entwickler damit noch nicht ausgereizt. Es ist nur eine Frage der Zeit bis es auch Turbinen mit zwölf MW gibt. Leicht wird es aber nicht, die extremen Kräfte zu kontrollieren, die dank höherer Masten und längerer Rotorblätter auf diese Windriesen einwirken.
Ja, aber das birgt auch viele Gefahren. An erster Stelle steht die Lage selbst. In Deutschland bedeutet "Offshore" Hochsee, also weit weg vom Ufer. Die Bevölkerung will zwar Windkraft, aber möchte die Windtürme nicht sehen, auch deshalb sind Offshore-Standorte eine Alternative. Die Offshore-Anlagen in Dänemark oder England etwa liegen viel näher an der Küste.
Wo sehen Sie die Hauptrisiken für Versicherer?
Es gibt typische Marinerisiken wie Sturm, Schiffskollision und Wellengang. Daneben stehen Schwierigkeiten, die im Offshore-Bereich einzigartig sind. Dazu gehören etwa die Montage im tiefen Wasser und die Anbindung mittels Seekabel an das Stromnetz.
Erste Anlagen wurden bereits gebaut. Wie sind hier die Erfahrungen?
Gemischt. Es gab all die klassischen Schäden an Kabeln, Getrieben und Fundamenten. Darüber hinaus sind Korrosionsschäden ein sehr großes Thema. Nach wie vor fehlen aber Langzeiterfahrungen. Die ersten und auch deutlich kleineren Offshore-Windparks wurden erst vor knapp zehn Jahren in Betrieb genommen. Die geschätzte Lebensdauer eines Hochsee-Windparks wird mit 20 bis 25 Jahren angegeben und darauf basieren auch die Wirtschaftlichkeitsberechnungen. Wir müssen abwarten und sehen, ob dies realistisch ist.
Welche Probleme könnten im Laufe der Zeit auftreten?
Serienschäden sind natürlich immer ein Thema. Auch die Seekabel, die nicht nur Elektrizität sondern auch Daten transferieren sind sehr anfällig und gefährdet. Die einzelnen Windräder sind untereinander mit Kabeln verbunden und hängen an einer Trafostation, die den Strom über ein deutlich größeres Seekabel an Land leitet. Hier kam es in der Vergangenheit zu vielen Schäden beispielsweise durch Schiffsanker.
Wenn etwas kaputt geht, dann sind die Reparaturen enorm teuer. Diese Anlagen werden dort gebaut, wo viel Wind weht und deshalb kommt es auch zu entsprechend hohen Wellen. Im Winter können Sie da selbst mit Spezialschiffen nicht mehr andocken.
Wenn die Stürme zu heftig werden, müssen die Anlagen ganz aus dem Wind gedreht werden. Kommt es zu einem Stromausfall, etwa wegen Kabelschäden, wird es problematisch. Hier werden Batterien als Backup verwendet, aber das funktioniert leider nicht immer.
Wie sieht es denn bei Turbinen unter Wasser aus? Einige Projekte sind hier in Planung. Wie schätzen Sie hier die Risiken ein?
Hier gibt es tatsächlich interessante Tests. Die Idee einer Windkraftanlage unter Wasser ist verführerisch. Der größte Vorteil dieser Anlagen ist, dass man sie nicht sieht. Leider ist die Technik noch nicht ausgereift und die Stromproduktion wird relativ gering sein, so dass dadurch kein wirklicher Ersatz für konventionelle Stromerzeugung entsteht.
Eine Alternative sind Gezeitenkraftwerke wie etwa das französische Kraftwerk in La Rance, das seit 1966 in Betrieb ist. Das kann man sich wie einen Staudamm vorstellen, der an einer Meeresbucht oder einer Flussmündung liegt.
Schon seit langem wird über ein riesiges Gezeitenkraftwerk in der Flussmündung des Severn zwischen Bristol und Cardiff diskutiert. Dafür müsste man einen 16 Kilometer langen Damm bauen. Der Einfluss auf die Ökologie wäre desaströs und auch die Kosten von etwa 20 Milliarden Euro klingen prohibitiv. Allerdings könnte die geplante Leistung dieser Anlage acht Kernkraftwerke ersetzen und fünf Prozent des gesamten Stromverbrauchs Großbritanniens erzeugen.
Ist die Allianz die der Versicherung von Windkraftprojekten hier bereist aktiv?
Bei den Windkraftanlagen zählen einige der prominenten Hersteller zu unseren Bestandskunden. Auch zu den Investoren, die verstärkt aus dem Bereich der großen Stromerzeuger kommen, haben wir gute Kontakte.
Von den Investoren und finanzierenden Banken werden bei den nun anstehenden Großprojekten sehr hohe Versicherungssummen und hohe Limite für Betriebsunterbrechungen gefordert. Dies ist nur durch ein umfangreiches und fachkundiges Risikomanagement und ein umsichtiges Underwriting darstellbar.
Gemeinsam mit der Windindustrie arbeiten wir derzeit an einem Code of Practice für solche Großprojekte. Zielsetzung ist ein von allen Stakeholdern akzeptierter Standard, der die Industrie unterstützt und nicht behindert. Wir wollen die Entwicklung und Investitionen in Offshore Windprojekte unterstützen und nicht bremsen.
Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen, der Ihnen oben rechts zur Verfügung gestellt wird.
Quelle: Pressemeldung Allianz Global Corporate & Specialty
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