Familienbewusste Personalpolitik ist erfolgreiches Standortmarketing
Unternehmen der Chemie- und Energiebranche waren im Jahr 2007 besonders aktiv in der Umsetzung einer familiengerechten Personalpolitik: Mit rund 17 Prozent der mehr als 200 Neukunden für das audit der berufundfamilie gGmbH – eine Initiative der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung – zeigen sie den größten Zuwachs. Damit sind knapp die Hälfte der größten Energieversorger und 30 Prozent der Chemie- und Pharmaunternehmen in Deutschland bereits auditiert. Weiterhin stark engagiert sind Finanzdienstleister und Unternehmen des Maschinenbaus. Zugleich wurden im vergangenen Jahr 25 Hochschulen auditiert. Mit insgesamt mehr als 650 Auditierungen seit Einführung des audit im Jahr 1998 hat die berufundfamilie gGmbH einen einzigartigen Datenbestand zusammengetragen, der den Rückschluss zulässt, dass das Thema familiengerechte Personalpolitik bei Unternehmensleitungen auf breiter Linie angekommen ist. Deutlich wird aber auch, dass in der praktischen Umsetzung gerade bei Führungskräften des mittleren Managements großer Nachholbedarf besteht.
Als strategisches Managementinstrument ist das audit berufundfamilie darauf ausgerichtet, eine familiengerechte Personalpolitik nachhaltig in den Unternehmen zu verankern. Um das Zertifikat zum audit berufundfamilie kontinuierlich tragen zu können, wird das audit daher alle drei Jahre durchgeführt. Tatsächlich verzeichnet die berufundfamilie gGmbH eine große Ernsthaftigkeit im Umgang mit der Thematik: 82 Prozent der Unternehmen und Institutionen, die den Prozess begonnen haben, bleiben dabei und wiederholen das audit im Drei-Jahres-Rhythmus. Damit nutzen sie die Erkenntnis aus der wissenschaftlichen Begleitung der auditierten Unternehmen und Institutionen, wonach die betriebswirtschaftlichen Effekte einer familiengerechten Personalpolitik umso größer sind, je länger sich die Unternehmen in diesem Themenfeld engagieren: Das Image als familienbewusstes Unternehmen verfestigt sich, die Personalgewinnung wird erleichtert, die Elternzeit ist im Durchschnitt deutlich kürzer als in nicht-auditierten Unternehmen, auch die Fehlzeiten verringern sich zunehmend.
Entscheidend ist dabei, dass das Engagement über die Einführung konkreter Maßnahmen zur Flexibilisierung der Arbeitszeit und zum Ausgleich von Betreuungsengpässen, die schnell sichtbare Erfolge bringen, hinausgeht und tatsächlich in die Unternehmenskultur hineinwirkt. „Aus dem formalen Angebot des Unternehmens muss ein konkretes Angebot des Vorgesetzten werden,“ so Stefan Becker, Geschäftsführer der berufundfamilie gGmbH, „denn ob sich familienbewusste Personalpolitik rechnet, hängt nicht nur von einem passgenauen Leistungsangebot ab, sondern auch von der Kommunikationsstärke und einer familienbewussten Kultur in den Betrieben.“ Bislang, so die Erkenntnis der berufundfamilie gGmbH, haben sich die meisten Führungskräfte des mittleren Managements nach wie vor nicht wirklich mit der Thematik auseinandergesetzt und bremsen damit oft genug betriebswirtschaftlich positive Effekte. Von den auditierten Unternehmen und Institutionen widmet sich bereits rund ein Drittel aktiv der Aufgabe, das Know-how ihrer Führungskräfte über familiengerechte Personalführung und die Bandbreite der im Unternehmen angebotenen Maßnahmen zu erweitern. Bei 18 Prozent der Unternehmen – Tendenz steigend – ist familiengerechtes Führungsverhalten Bestandteil der Zielvereinbarungen und damit vergütungsrelevant.
Ein von der berufundfamilie gGmbH in Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik (FFP) eigens entwickelter Index macht erstmals die familienbewusste Kultur in Unternehmen und Institutionen messbar und kommt damit der allgemeinen Forderung nach, einen Beleg für die betriebswirtschaftlichen Effekte der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu finden. Der Index berücksichtigt nicht nur die Dimension „Leistung“, indem er den Umfang und die Qualität angebotener familienbewusster Maßnahmen aufgreift. Zur Berechnung des Index werden ebenfalls die Dimensionen „Dialog“ – Wie wird das Thema kommuniziert? – und „Kultur“ – Wird Familienbewusstsein auch gelebt? – hinterfragt: Je höher der Index, desto familienbewusster der Arbeitgeber.
Für Unternehmen wird immer klarer, dass sich familiengerechte Personalpolitik rechnet. Doch wo liegt die Motivation für Hochschulen, die Vereinbarkeit von Campus und Krippe zu verbessern? Was können sie von den Unternehmen lernen? „An den Hochschulen werden die Führungskräfte von morgen ausgebildet. Wenn Beruf und Familie hier nicht als vereinbar erlebt werden, werden die Lenker von morgen Familienbewusstsein weder voraussetzen noch umsetzen,“ so Professor Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner, Inhaberin des KfW-Stiftungslehrstuhls für Entrepreneurial Finance an der Technischen Universität München und Vorsitzende des Kuratoriums der berufundfamilie gGmbH. „Wir haben bei der berufundfamilie gGmbH die Erfahrung gemacht, dass sich viele Hochschulen zunächst sehr schwer tun, sich von dem Bild des Rund-um-die-Uhr-Forschers zu verabschieden. Aber die positiven Erfahrungen in der Personalrekrutierung, gerade wenn es darum geht, Wissenschaftler aus dem Ausland für eine deutsche Hochschule zu gewinnen, zeigen, dass Exzellenz in Forschung und Lehre in Verbindung mit familiengerechten Angeboten der Hochschule einen messbaren Standortvorteil bringt.“
Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und des internationalen Wettbewerbs um qualifizierte Fach- und Führungskräfte machen es sich nicht nur Unternehmen, sondern in zunehmendem Maße auch Hochschulen zu ihrer Aufgabe, Bedingungen zu schaffen, die es ihren Studierenden, Promovierenden und dem Lehrpersonal, aber auch den Beschäftigten in Verwaltung und Service erleichtern, familiäre Erfordernisse mit ihren Tätigkeiten in Beruf oder Qualifikationsphase in Einklang zu bringen. So ist es der Universität des Saarlands beispielsweise gelungen, über spezielle Angebote im vergangenen Jahr fünf Wissenschaftler-Paare aus den USA und von renommierten deutschen Forschungsinstituten zu gewinnen oder zu halten. Bei Studierenden führt die Familiengründung oftmals zu langen Unterbrechungen ihres Studiums. Da die Mittelvergabe der öffentlichen Hand zunehmend an die Abbrecherquote und die Studiendauer geknüpft sind, ergibt sich auch hier verstärkt Handlungsbedarf.
Seit Einführung des audit familiengerechte Hochschule im Jahr 2003 hat die berufundfamilie gGmbH 65 Hochschulen – rund jede fünfte – auditiert, Tendenz deutlich steigend. Das so gewonnene Know-how macht sie jetzt erstmals in einem Leitfaden „Standortvorteil: familiengerechte Hochschule“ mit zahlreichen Praxisbeispielen zugänglich. So hat die Universität Bremen als erste Hochschule von Unternehmen übernommen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zum vergütungsrelevanten Bestandteil der Zielvereinbarungen bei Professoren zu machen. Die Universität Trier bietet regelmäßig Schulungen für die Leitungsetagen zu familienbewusster Personalführung an und bereitet Eltern systematisch auf den Wiedereinstieg nach einer Familienphase vor. Die Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) – Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen verfolgt einen Ansatz, der Vereinbarkeit mit wissenschaftlichem Nutzen verbindet: Im Juni 2006 hat sie eine Kinderkrippe für 36 Kinder im Alter zwischen neun Monaten und drei Jahren eröffnet, die nicht nur bedarfsgerechte Öffnungszeiten hat, sondern sich vor allem durch eine enge Kooperation mit dem Bachelor-Studiengang „Bildung und Erziehung im Kindesalter“ auszeichnet.
Quelle: Pressemeldung berufundfamilie gGmbH
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